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Hundewache (Edinburgh - Albourg)
Um 0:00 Uhr beginnt die Hundewache. Sie dauert drei bis sechs Stunden, je nach Wachsystem. Über die Herkunft des Namens wurde schon immer und wird immer viel philosophiert werden. "Da möchte man nicht einmal einen Hund vor die Tür schicken", ist meine spontane Assoziation, als ich den Begriff zum ersten Mal höre. Der Name lässt darauf schließen, dass diese Wache zu den unbeliebteren zählt. Und tatsächlich: "An Land passt um diese Zeit alleine der Hund auf das Haus auf."; "Es gibt nichts Schönes, keinen Sonnenaufgang, keinen Sonnenuntergang, in dieser Wache. Die ganze Zeit ist es einfach nur dunkel."; "Sowohl vorher als auch hinterher gibt es keine ausreichende Zeit zum Schlafen, deshalb möchte keiner diese Wache übernehmen." Das sind die Erklärungen, die man mir als Langstrecken-Neuling dazu liefert. Unser Wachsystem haben wir so organisiert, dass jeder einmal diese Wache mit der mysteriösen Namensherkunft übernimmt. Heute bin ich dran und ahne, dass man es erlebt haben muss, um die wirkliche Bedeutung des Begriffs zu erfassen.

Das Wetter ist mies. Auf den B&G-Anzeigen unterdecks kann ich schon die Windstärke ablesen. Sie ticken immer wieder nach oben aus. Es herrscht steifer Wind und sehr grobe See. Unser Kurs: "hoch am Wind". Bei diesem Wetter ist das  besonders unangenehm. Zum einen erschwert die starke Krängung die Fortbewegung und das Arbeiten auf dem gesamten Schiff und zum anderen - was noch wesentlich unangenehmer ist - fährt man auf jeder Welle so lange nach oben, bis der Bug komplett in der Luft hängt, der Schwerpunkt des Schiffes vor dem Wellenkamm ist und der Bug auf einen Schlag 2 Meter tiefer wieder auf dem Wasser aufkommt. Das fühlt sich im Inneren des Schiffes wie "Breakdancerfahren" (#Volksfest) an. Wirklich alles wird in Vibrationen versetzt.

Jedes Mal gibt es ein Geräusch, als würde eine Horde ausgewachsener kanadischer Holzfäller mit Vorschlaghämmern gleichzeitig auf den Rumpf einschlagen. Unter diesen Bedingungen ist es schon eine Herausforderung, unfallfrei aus der Koje zu steigen und noch ungleich schwieriger sich anzuziehen. Alles, was niemand festgebunden oder -geklemmt hat fliegt in der Gegend herum und auch Menschen, die sich nicht festhalten lernen das Fliegen. Die Strapazen des Umziehens endlich hinter mich gebracht treffe ich im Salon Menschen, die selbst bei dem eingeschalteten Rotlicht blass aussehen. Zum Glück habe ich selbst mit Seekrankheit keine Probleme. Ungemütlich ist es trotzdem unterdeck und ich weiß, dass es oben noch um ein Vielfaches ungemütlicher ist, zumal ein Blick durch den Niedergang nach draußen mir zu allem Überfluss offenbart, dass es dort Katzen und Hunde regnet. Doch es hilft nichts: Wir müssen da raus. Wir müssen die durchnässten und durchgefrorenen Freunde dort oben ablösen und unseren Teil zum Gelingen der Reise beitragen.

Unsere Wache beginnt spannend: Laut SeaMax kollidieren wir, wenn wir den Kurs halten, in einigen Minuten mit "Bourbon Eko", einem Tankschiff, das nicht ausweichen muss, nicht ausweichen kann und bei einer Kollision wahrscheinlich nicht einmal den kleinsten Ruck bemerken würde. Um dem zu entgehen, müssen wir noch ein wenig anluven, ein wenig kneifen, sodass wir hinter dem Riesen vorbei können. Eine sportliche Aufgabe, ein schwieriges Unterfangen bei diesem Hundewetter, bei der der Steuermann hundert Sachen auf einmal im Blick haben muss. Wenn dies nicht gelingt hilft nur eine erneute Wende, die unbedingt rechtzeitig erfolgen müsste, unnötig Zeit und Arbeit kosten sowie zusätzliche Gefahr bedeuten würde. Doch hinter mir sehe ich Ulrich Hammer, der als erster für heute Nacht  das Steuer übernommen hat. Ein erfahrener Segler, der mit konzentriertem und hellwachem Blick dem ihm ins Gesicht peitschenden Regen trotzt und dieser Aufgabe bestens gewachsen zu sein scheint. So ist die anspruchsvolle Situation dann auch nach einigen spannenden Momenten gemeistert und ich arbeite mich wieder nach unten vor, um einen wärmenden Tee für die Crew vorzubereiten.

Tee kochen: Eine Aufgabe, die unter diesen Bedingungen erstens hohe Seefestigkeit erfordert, da man unten viel schneller seekrank wird als oben und zweitens nicht trivial ist, weil man sich mit einem Gurtband an der Pantryküche sichern muss, um nicht als Spielball der rohen Kräfte, die hier wirken, im Bauch des Bootes umherzufliegen. Den Wasserkessel habe ich gefüllt und will gerade den kardanisch aufgehängten Gasherd zünden, als von oben eine laute Stimme ertönt: "Die Runner sind los."

Das bedeutet nichts Gutes: Im schlimmsten Fall kann man mit losen Runnern den Mast fällen. Nicht auszudenken wäre der Schaden an Mensch und Material. Darüber sind sich alle bewusst und so eilen Sandra Hilbert aus der vorherigen Wache, Kapitän Ralf Schneider und ich nach oben. Am Steuer steht jetzt Roland Scheer, unser Wachführer. Hinter ihm arbeitet Uli schon mit vollem Einsatz daran, unser Problem in den Griff zu bekommen. Ralf kommt ihm zur Hilfe. Bedrohlich schlägt die lose Umlenkrolle der Runner über den Köpfen der beiden, getrieben von der unbändigen Kraft des Windes, in alle Himmelsrichtungen, während die "Aquis Granus" sich immer noch stampfend und bockend wie ein wilder Stier, der einen Rodeo-Reiter abwerfen will, durch die meterhohen Wellen kämpft.

Wie konnte sich der Runner nur von der Winsch lösen, wie konnte dieser Leinensalat entstehen, mit dem Uli gerade zu kämpfen hat? Irgendwie muss er sich Stück für Stück unbemerkt losgerüttelt haben. Ein folgenschwerer Fehler kann es sein, dieses wichtige Teil aus den Augen zu verlieren, aber daran darf im Moment nicht gedacht werden. Im Moment zählt nur, dass wir das Teil irgendwie wieder fest kriegen. Weitere ungewisse Augenblicke vergehen. Endlich: Der Runner ist wieder fest, die "Aquis Granus" samt Crew ist wieder sicher.

Um uns herum ist alles schwarz. Die passende Hintergrundmusik kommt vom Wind, der uns um die Ohren pfeift aber auch von den Runnern mit ihrem "Sound of speed". Die Tonhöhe ändert sich beim Welle hoch und runter fahren fast sinusförmig. Nur in der Nähe des Rumpfes kann ich die riesigen Wellenberge und die meterhohen Abgründe erkennen, die uns umgeben. Wir pflügen stampfend auf Steuerbord-Bug mit viel Krängung durch eine regelrechte Kraterlandschaft aus Wasser. Vorne an Backbord wird die Gischt bei jeder Welle in die wir eintauchen von den Positionslampen so angeleuchtet, dass man glaubt, einen riesigen roten Feuerwerkskörper explodieren zu sehn. An Steuerbord hingegen ziehen gespenstig grün angeleuchtete Schaumkronen vorbei.  Der Ozean wirkt, als wolle er uns verschlingen. Bei Wellen wie diesen würde man den Kopf einer über Bord gegangenen Person nach weniger als 50 Metern schon aus den Augen verlieren. Bei 7 Knoten Fahrt dauert es also nur 14 Sekunden, bis die Wahrscheinlichkeit einer Rettung rapide sinkt.

"Alles OK?", Käptn Schneider schaut Roland fragend an. Kurzes Nachdenken. Dann antwortet er: "Wir könnten die 4 setzen". Der Wind hat wieder zugenommen und deshalb ist es Zeit, das Vorsegel durch ein kleineres auszutauschen. Meine Hoffnung auf ein wenig Zeit zum Verschnaufen zerrinnt. Nachts und bei diesem Wetter bedeutet das richtig viel Arbeit und erfordert eine erfahrene Crew, die die Gefahren dieses Manövers kennt. Wir buckeln "die 4" von vorne durch das ganze Schiff zum Niedergang und hieven sie durch die schmale Öffnung nach draußen. Als wir den Brocken endlich vorne bereit haben, bleibt Rolo zum einfädeln vorne und Uli geht an den Mast. Meine Aufgabe ist es jetzt, das Fallenklavier und die Deckshauswinschen zu bedienen. Von Barbara weiß ich genau, was ich zu tun habe. Zu zweit arbeiten wir mit allen Kräften daran, die beiden da vorne zu unterstützen. Bei jeder Welle verschwindet das komplette Vorschiff inklusive Rolo und Uli in diesem riesigen roten Feuerwerk bevor zuerst die beiden Köpfe, dann der Rest wieder auftaucht. Beruhigend ist, dass jeder Einzelne ständig mit mindestens einem Haken am Schiff eingepickt ist. Es geht weiter: Klemme auf, Klemme zu, ziehen, fieren, winschen usw usw. Bis das Manöver abgeschlossen ist gebe ich alles und ich weiß genau, dass die anderen auch alles geben.

"Sehr schön!" sagt Käptn Schneider, als die 3 unten und die 4 oben ist. Das war das letzte Manöver in dieser Wache. Bis zum Ende heißt es dann noch frieren, frieren, frieren. Danach gehe ich rein, mache für die Wache, die uns ablöst was Warmes zum Trinken und lege mich in meine Koje.
Was Hundewache heißt, weiß ich jetzt und eines steht für mich fest: Trotz der Strapazen ist es eine ganz besondere Erfahrung, mit so tollen Menschen, die in jeder Situation Ruhe ausstrahlen als ein Team die wahnsinnigen Kräfte der Natur zu kompensieren. Ein tolles Erlebnis ist es, sich für andere einzusetzen und sich vollkommen auf andere verlassen zu können. Wer so segelt, lebt einen Traum!

Aachen liegt am Meer!